Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen
Heute früh im Wagen auf dem Weg zur verdammten Arbeit. Eine Reportage über einen Künstler, der vor 200 Jahren starb. Er hatte alles, junges Genie, früher Triumph, eine lebenserfüllende Romanze, Reisen, Erfolge, Anerkennung, Niederlagen und späte Genugtuung. WAS FÜR EIN LEBEN!
Und ich? Ich mache einen Job, den ich so sehr hasse, dass mir die Worte fehlen. Stellt euch einen Job vor, in dem ihr jeden Tag tausend Erbsen zu kleinen Häufchen zählen müsst. Und in dem ihr einen Chef habt, der bei 999 Erbsen gleich den Untergang des Abendlandes sieht. Das ist mein Job. Ich erspare euch die erbärmlichen Details. Ein Kellner bringt essen, ein Arzt rettet leben, ein Straßenfeger hält die Straße sauber. Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen.
Ich bin bin ein Gefangener. Ich kann den Job nicht wechseln, weil es die Wirtschaftslage nicht erlaubt. Ich kann nicht einfach kündigen, weil mir das Arbeitsamt eine Sperrfrist reindrücken würde. Und während alle meine häuschenabzahlenden Kollegen Hosenflattern haben vor der nächsten Entlassungswelle, würde ich mir nichts sehnlicheres wünschen, als den Goldenen Handschlag zu erhalten.
Ich habe süßes Gift in meinen Adern. Es lähmt mich, es hält mich unten. Es lässt mich verbittert sein und mit den wankelmütigen Entscheidungen meiner vorgesetzten schwanken. Ich bin das Kaninchen vor der Schlange. Ich bin der Sklave im goldenen Käfig.
Wann wird dieser Alptraum nur endlich vorbei sein?



Sicher, du wirst nicht kündigen können, um der Tretmühle zu entkommen. Aber wer hindert dich daran, den Stellenmarkt zu beobachten und Bewerbungen zu schreiben? So eine Bewerbung hätte den unvergleichlichen Vorteil, dass du dich aus einem ungekündigten Verhältnis heraus nach einer neuen Beschäftigung umschaust. Also stehst du nicht so unter einem Erfolgszwang, und das macht die Sache entspannter. Bei all den Bewerbungen, die ich in meinem Leben geschrieben hatte, hatte ich immer den Eindruck, dass so eine Position von potentiellen Arbeitgebern bevorzugt würde.
Es gibt mehrere Jobportale, bei denen man sich kostenlos anmelden kann. Du weißt doch: Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Viel Erfolg.
Das Problem ist, dass ich zur Zeit fürchte immer wieder in einen Job zu rutschen, der von unfähigen Managern Typ “USA” beeinflusst wird. Also Leuten, die von ihren Entscheidungen nicht betroffen sind, weil der “Impact” zu weit weg ist. Unsere Gesellschaft (Politik sowieso, Wirtschaft, aber auch Privatleben) hat sich in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Unverbindlichkeit entwickelt: Qualität wird nur noch als Kostenfaktor gesehen, Absprachen gelten nichts mehr, Jobs werden schnell gekündigt oder ausgegliedert – dass die neu Einzustellenden dann natürlich angelernt werden müssen, ist ein anderes Lied. Kurz, ich würde aller Wahrscheinlichkeit nach vom Regen in die Traufe geraten. Momentan würde ich Arbeitslosigkeit vorziehen, bis ich wirklich etwas sinnvolles und interessantes finde.
Das ließe ich eher sein. Wenn man sich anschaut, wie es hier zugeht, wird man feststellen, dass man verdammt schnell in Hartz-IV abrutscht, und da kommt man nicht so schnell wieder heraus (wenn überhaupt).
Ich weiß, wie es ist, wenn man arbeitslos ist (auch wenn es bei mir nur eine recht kurze Episode war). Mir fiel schon nach zwei Wochen die Decke auf den Kopf. Wenn du ein Gehirn hast, das geistige Herausforderungen braucht, dann ist Arbeitslosigkeit genau das falsche. Vielleicht solltest du auch mal darüber nachdenken, ob Auswanderung nicht vielleicht eine lohnende Alternative ist. Hier in D gibt es fast nur noch zwei Schichten: “die da oben” und “die da unten”. Für “die da oben” bist du in jeder Hinsicht ein Kostenfaktor (darum auch “Humankapital”). Dass Mitarbeiter auch wertvoll sind, wirst du mittlerweile nur noch im Ausland finden. Das wäre z.B. in der Schweiz, den Niederlanden, Skandinavien, Großbritannien (momentan noch) und Spanien. Das Leben ist in den Ländern auch wesentlich unkomplizierter. Ein Bekannter zog vor ein paar Jahren nach Spanien. Er meinte, dass er noch nie so eine einfache Steuererklärung gemacht hätte. Auch die An- und Ummeldung wäre kein großer Akt. Allerdings sollte man die Landessprache vorher lernen, sonst landet man bei “Die Rückwanderer”.
Also irgendwie … kann es sein, dass wir uns kennen? Oder dass du in der selben Firma arbeitest wie ich?!
Willkommen im Club der “Ich hasse meinen Job und den ganzen Rest”!
Auswandern ist so ne Sache. Dazu brauchst du auch den “richtigen” Job. Ich selber bin Buchhalterin und das ist so gesehen ein recht “bequemer” Job ohne viele körperliche Arbeit. In den meisten Ländern braucht man sowas nicht, weil die eigenen Leute das schon machen wollen. Und dann hat man vielleicht noch Familie hier. Dann überlegt man sich das auch gut, oder besser. Denn einfach nur so ins Blaue rein, selbst wenn ich die Sprache des Landes spreche … die Kandidaten für “die Rückwanderer” werden niemals ausgehen
In diesem Sinne – Kopf hoch!
Hallo,
ich gebe dir ja in allem Recht. Aber leider bin ich deine Gedankenkette auch schon mehrere Male durchgegangen. Inklusive der Möglichkeit, auszuwandern. Aber jemand, der mir mal sehr nahe stand, hat einmal gesagt: “Wenn Du in deinem eigenen Land nichts taugst, taugst Du auch in keinem anderem Land.” Ich möchte halt in Deutschland zufrieden sein. Was soll ich in XXX? Meine Probleme und Ansichten würde ich ja immer mitnehmen.
Ich möchte halt in Deutschland einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen, ob solo oder mit guten Kollegen und Vorgesetzten.
Taugst du nichts, oder taugt dein Arbeitgeber nichts? Taugtest du nichts, wärst du jetzt arbeitslos. Wenn die Wirtschaft die Globalisierung vorantreibt, dann sollten wir uns daran irgendwie beteiligen.
Ich stamme nicht aus Hamburg. Bis ich hier letztendlich landete, hatte ich eine größere Tour durch Deutschland hinter mir. Das reichte auch bis nach Süddeutschland (auch wenn ich mich dort nicht wohlgefühlt hatte). Ich gehe dorthin, wo die Arbeit ist. Und wenn die (gute) Arbeit im Ausland ist… Nun, dann gehe ich halt dorthin.
Hallo, Du,
danke für dein Verständnis. Nur wenn man selbst in so einer Situation steckt, kann man es nachempfinden. Weil viele es als Luxusproblem ansehen. Mich beschäftigt es halt trotzdem.
Klar hätte ich von meiner Ausbildung her die Möglichkeit, auszuwandern. Nur habe ich keine Lust dazu, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Viele dieser Auswanderer sehen doch von ihrem “Gastland” weniger als der durchschnittliche Tourist, da sie für ein Leben, das dem deutschen Standard gleicht, viel mehr arbeiten müssen. Oh, Schreck, ist das Leben in USA/Spanien/Australien wohl doch nicht so locker, was? Ich verstehe auch nicht, warum es Leute gibt, die in die Dritte Welt (Süd-Amerika, Afrika) auswandern. Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Die kommen alle wieder, spätestens, wenn sie merken, dass sie keine Altersrücklagen bilden können.